Am Wochenende bin ich unter anderem mit der Überzeugung konfrontiert worden, Wilhelm von Humboldt habe das Gymnasium als Schule für die Elite konzipiert bzw. die breite Masse der Bevölkerung von der gymnasialen Bildung fernhalten wollen.
Im Königsberger Schulplan schreibt Humboldt hierzu:
“Wie vielerlei Arten von Schulen soll es geben?
Wie viele von jeder Art? und welche?
Man ist sowohl in dem Möllerschen, als Hoffmannschen Plane, die beide viele zweckmäßige Vorschläge enthalten, davon ausgegangen, daß es, außer den Elementar- und gelehrten Schulen, noch Mittelschulen geben solle.
Diese Frage ist daher zuerst zu erörtern.
Ich bin dagegen.
Mittelschulen sollen entweder den Übergang von den Elementar- zu den gelehrten Schulen ausmachen, so daß die letzteren gar keine sogenannten Bürgerklassen mehr haben; oder als eine eigne Art der Schulen für diejenigen bestimmt seyn, welche auf eigentlich wissenschaftliche Bildung und besonders auf Universitäts Studium Verzicht thun, oder endlich beide Zwecke zugleich zu erfüllen.
Die Trennung der Bürgerklassen von den gelehrten in zwei verschiedenen Anstalten stört offenbar die so nothwendige Einheit des Unterrichts, der in der Wahl der Lehrgegenstände, in der Methode und der Behandlung der Schüler von dem Augenblick an, wo das Kind die ersten Elemente gefaßt hat, bis zu der Zeit wo derSchulunterricht aufhört, in einem so ununterbrochnen Zusammenhange stehen muß, daß Klasse auf Klasse und halbes Jahr auf halbes Jahr berechnet sey. Die Mittelschulen bei dieser Anordnung könnten, indem sie nach vollendetem Elementarunterricht anfiengen, und bei dem Beginnen des höheren gelehrten aufhören sollten, schlechterdings nur ein Stück des Unterrichts, und zwar ein, wenigstens in Absicht der Gränzen nach oben, willkürlich abgeschnittenes behandeln. Es liegt nun aber in der Natur der Sache, daß eine Anstalt, die ganz dasselbe mit einer andern, dies aber nur bis zu einem gewissen Punkte treiben soll, also so daß sie ihr Complement immer ganz außer sich sieht, auch innerhalb des bestimmten Punktes schlecht werde.
Es giebt philosophisch genommen, nur drei Stadien des Unterrichts:
Elementarunterricht
Schulunterricht
Universitätsunterricht.”
Wenn wir hiermit Humboldt selbst zuhören, vermag ich nicht zu erkennen, das Humboldt das Gymnasium als elitäre Schule haben wollte, noch dass sich eine Selektion am Ende der Elementarschule mit Humboldt rechtfertigen lässt.
Humboldt beschreibt weiter die drei Arten von Unterricht und fährt dann fort:
“So wie es nun bloß diese drei Stadien des Unterrichts giebt, jedes derselben aber unzertrennt ein Ganzes macht, so kann es auch nur drei Gattungen a u f e i n a n d e r f o l g e n d e r Anstalten geben, und ihre Gränzen müssen mit den Gränzen dieser Stadien zusammenfallen, nicht dieselben in der Mitte zerschneiden.
Auch ist die Idee zur Absonderung wohl nur daher entstanden, daß man sich unter Mittelschulen eine eigne Gattung von Schulen, die auf andre Kentnisse, als die gelehrten Rücksicht nehmen, gedacht und nun besorgt hat, die gelehrten durch Verbindung beider zu verwickelt zu machen. Allein auch in dieser zweiten Absicht, daß die Mittelschulen für diejenigen, die auf höheren Unterricht Verzicht leisten, bestimmt seyn sollen, bestreite ich dieselben.”
Humboldt spricht sich also sehr klar gegen eine Trennung aus. Diejenigen, die nun noch meinen, dann habe Humboldt eben für das niedere Volk ausschließlich die Elementarschule vorgesehen und die weiterführende Schule lediglich für die Kinder der Eliten, sei noch der folgende Satz empfohlen, aus dem sehr klar hervorgeht, dass Humboldt sehr wohl von einer weiteren Schulbildung aller ausgegangen ist:
“Da, um dies nur vorläufig zu bemerken, die Bestimmung eines Kindes oft sehr lange unentschieden bleibt, so bringen sie den Nachtheil hervor, daß leicht Verwechslungen vorgehen, der künftige Gelehrte zu lange in Mittelschulen, der künftige Handwerker zu lange in gelehrten verweilt, und daraus Verbildungen entstehen.”
Humboldt unterstützt nicht die Einbildung vieler, die erlangte Position der Eltern bestimme, ob der Nachwuchs zum Gelehrten oder zum Handwerker geboren sei. Genau diese Annahme führt aber zu einer verkehrten Selektion am Ende der Grundschulzeit. Darum ist jeder Form von Mittelschule, Realschule, Werksrealschule und Hauptschule eine Absage zu erteilen.
(politisch: Die FDP als Partei des Liberalismus, aber auch die SPD, die Grünen und die Linken sollten sich in diesem Punkt einig sein. Warum unter diesen gerade die FDP sich für Besitzstandswahrung und “Erbsünde” ausspricht ist überhaupt nicht nachvollziehbar, es sei denn sie habe sich vom Liberalismus verabschiedet.)